Zum Sonntag "Judika" (29.03.2020)

Lieber Gemeinde,

hier lesen Sie nun - anstelle meiner Abschiedspredigt - mein Wort zum Sonntag Judika:

"Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

So lesen wir's im Hebräerbrief (13, 14), im vorgeschlagenen Predigttext für den heutigen Sonntag.

Ja, so ist das, da ist kein Bleiben für uns Menschen hier in Zeit und Welt,

und so ist das in diesen Tagen für mich: Mein Dienst in Werne endet am 31. März nach 21 Monaten,

so wie es mit dem Presbyterium vereinbart war.

Dieses Ende ist Anlass für einen dankbaren Blick zurück: Ich erinnere mich an bewegende, auch glanzvolle Gottesdienste,

die ich mit Ihnen, liebe Gemeinde, vor allem in der Martin-Luther-Kirche gefeiert habe, aber auch an den anderen Predigtstätten der Gemeinde.

Ich erinnere mich an die Menschen, die sich mir anvertraut haben an den Übergängen ihres Lebens:

An die Ehepaare, die ich getraut habe; an die Hinterbliebenen, die ich beim letzten Weg mit ihren Verstorbenen auf den Friedhof begleitet habe.

Zu den guten Erinnerungen gehört auch die Zusammenarbeit mit Pfarrer Meese und Pfarrerin Knoll,

mit den anderen Mitarbeitenden in der Gemeinde sowie mit dem Presbyterium.

Jetzt heißt es für mich, Abschied zu nehmen, und es geht für mich - Stand heute - weiter mit einem Semester Studium,

danach der nächste Pastorale Dienst im Übergang, wo auch immer.

Ja, ich habe keine bleibende Stadt in Werne, ich bin weiter unterwegs zur nächsten Station meines (Dienst-)Lebens.

Unterwegs sein durch die Zeit - das gilt für uns als Menschen, Christenmenschen,

auch für die christliche Gemeinde und die Kirche:

"Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.

Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit."

(Martin Gotthard Schneider, EG 604, Str. 1)

Gottes Ewigkeit, die hat für den Hebräerbrief die Gestalt der "zukünftigen Stadt", genauer übersetzt: der kommenden Stadt,

der Stadt, die (aus dem Himmel) auf uns zu kommt - das himmlische Jerusalem. In den letzten Kapiteln der Bibel wird diese

Stadt fantasievoll, traumhaft, in einer Vision geschildert (Offenbarung 21 und 22) - hierr hebe ich nur zwei Einzelzüge heraus:

In dieser himmlischen Stadt wird Gott selbst abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein (Offenbarung 21, 4);

und er kann das tun, weil er, Gott selbst, mitten unter den Menschen in dieser Stadt wohnt, in der Nachbarschaft, Tür an Tür

(Offenbarung 21, 3). Ein Bild der Hoffnung, das uns trösten und Mut machen kann.

Gottes Ewigkeit, die kommende Stadt - das Ziel unseres Weges vor und mit Gott durch die Zeit,

das Ziel, das unserem Weg, unserem Unterwegssein Richtung und Orientierung gibt,

auch wenn der Weg manchmal schwierig, unübersichtlich und verschlungen ist.

Eine stabile Ortsgemeinde wie Werne ... unterwegs?? Ja, natürlich, unterwegs durch die Zeit

wie wir alle als Menschen und wie andere Gemeinden auch. Aber das hervorgehobene "Denn" am Anfang

des Verses aus dem Hebräerbrief weist noch auf eine andere, eine geistliche Begründung:

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. (Hebräer 13, 12+13)

Mit "draußen vor dem Tor" verbindet sich für mich eine Erinnerung an die Geschichte der Evangelischen in Werne:

Die Martin-Luther-Kirche stand, als sie gebaut wurde, am Rande der Stadt;

die Auferstehungskirche in Herbern gleichsam auf freiem Feld,

und in Stockum haben die Evangleischen mit Gottesdiensten im Keller angefangen.

Inzwischen sind die Evangelischen in Werne und Herbern mittendrin und voll akzeptiert.

Und doch heißt es für uns als Christnemenschen, als Gemeinde immer mal wieder

Hinausgehen aus dem Lager, aus der Komfortzone, umgrenzt und befestigt,

aus dem Gewohnten und Vertrauten - sich einzusetzen, sich aufs Spiel setzen, ja riskieren.

Das, liebe Gemeinde, ist der berühmte Aufbruch zu neuen Ufern - nicht ohne Kummer und Schmerz über das,

was zurückbleibt, aber voller Spannung auf das, was der neue, nie begangene Weg eröffnet.

Eines aber ist gewiss: Wir sind nicht allein unterwegs:

"Viel Freunde sind mit unterwegs, auf gleichen Kurs gestellt.

Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein."

(Martin Gotthard Schneider, EG 604, Str. 5)

Nicht nur das - auch Jesus Christus selbst, unser Herr und Heiland, ist diesen Weg gegangen

heraus aus dem festen Lager, darußen vor das Tor,

und er geht ihn mit uns, denn er kennt diesen manchmal so schwierigen Weg aus eigener, persönlicher Erfahrung.

Ja, liebe Gemeinde, wir bleiben unterwegs durch die Zeit

auf einem keinesfalls einfachen Weg,

aber lassen Sie uns das Ziel dieses Weges nicht aus den Augen verlieren,

Gottes Ewigkeit, die zukünftige Stadt, die auf uns zukommt,

lassen Sie uns weiterhin gemeinsam dieses Ziel anstreben.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns auf unsern Wegen.

Sei Quelle und Brot in Wüstennot,

sei um uns mit Deinem Segen.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns durch Deinen Segen.

Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,

sei um uns auf unsern Wegen.

(Eugen Eckert, EG 171, Str. 1+4).

Dr. Hans Lohmann, Pfarrer.

Zum Sonntag "Laetare" (von Pfr. Dr. Lohmann)

LAETARE - "Freue Dich", so heißt traditionell der kommende Sonntag, 22. März, mitten in der Passionszeit, mitten in der Corona-Pandemie, die die Welt, unser Land, unsere Stadt und auch unsere Gemeinde im Griff hält. 

Freue Dich - aber worüber denn?? Dass es hier und jetzt (Freitag- Abend) noch keine Ausgangssperre gibt, dass es in unserem näheren Umkreis noch niemanden erwischt hat und - Gott sei Dank!! - noch keine Corona-bedingte Beerdigung stattfand; dass das Leben trotzdem irgendwie einigermaßen funktioniert?  

 

Ja, alles gute Gründe, aber bestenfalls für eine gewisse Erleichterung, etwas Durchatmen, wieder einen Schritt weiter, wieder einen Tag heile überstanden ... nicht viel angesichts der weit verbreiteten, tiefgreifenden Verunsicherung, nicht viel angesichts zahlloser offener und derzeit unbeantwortbarer Fragen - Laetare, freue Dich!?

Diese in diesen Zeiten befremdliche Aufforderung wird vom vorgeschlagenen Wochenlied in einen ganz anderen Zusammenhang gerückt: 

 

1. Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier; 

ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! 

Gottes Lamm, mein Bräutigam; 

außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.

 

Mitten in dieser tiefgreifenden und beängstigenden Verunsicherung werden die Gedanken auf Jesus gelenkt, das Lamm, das seinen Mund nicht auftat, als es zur Schlachtbank geführt wurde (Jesaja 53, 7), das Lamm Gottes, das wir immer in der Abendmahls-Liturgie besingen, also auf Jesus Christus als den Leidenden, den Mit-Leidenden, der Leid und Schmerz aus eigener bitterer Erfahrung kennt. Und so kann er das tun, was die 2. Strophe dieses Liedes besingt:

 

2. Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. 

Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mit steht Jesus bei. 

Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, 

ob gleich Sünd und Hölle schrecken, 

Jesus will mich decken.

 

Und es kommt noch stärker, noch herausfordernder: 


3. Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu! 

Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. 

 

Woher diese trotzige, herausfordernde Sicherheit? Daher:

 

Gottes Macht hält mich in acht, 

Erd und Abgrund muss verstummen, 

ob sie noch so brummen. 


Alte Worte, vor über 350 Jahren gedichtet und vertont - und auf einmal sprechen sie mich an, nein, nicht in der Alltagssprache, sondern als auch sprachlich höchst kunstvolles Gedicht, und sie verfremden meine, unsere so unsichere Situation auf überraschende und befreiende, also tröstliche Weise. Denn sie stellen das, was aus der Welt auf uns einstürmt und einstürzt, was uns ängstigt, in den weiten Horizont von Gottes Macht für uns. 

Und diese Wirkung verstärkt sich noch, wenn man dieses Lied als Motette von Johann Sebastian Bach hört oder gar - welch ein Geschenk, welch ein Privileg! - selbst mitgesungen hat. 

Mir jedenfalls gehen diese Worte nicht mehr aus der Seele, der Trost, die Ermutigung, die sie geben. Und der sechsten und letzten Strophe dieses Liedes, die auch als Gebet gesprochen werden kann, der mag ich nichts mehr hinzufügen: 


6. Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. 

Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein. 

Duld ich schon hier Spott und Hohn, 

dennoch bleibst du auch im Leide 

Jesu, meine Freude. 

 

Dr. Hans Lohmann, Pfarrer